Wie soll ich nun fragen nach diesem Begriff, einem erweiterten Begriff (wo wir doch über die Begriffe schon allzu viel gesprochen haben)? Ein erweiterter Kunstbegriff. Soll ich einfach fragen: was ist damit gemeint? Kann man mir darauf eine Antwort geben? Mir hat noch keiner eine Antwort darauf gegeben was denn Kunst nun eigentlich sei, oder besser: was ist denn Kunst eigentlich? Wo hört die Kunst auf, oder anders, wo fängt die Kunst an? Eine Kunstwerkstatt. Kunsthandwerker, die welche die Kunst anderer kopieren. Sind dies Künstler? Menschen die von Sozialhilfe leben, asozial, antisozial, aber sie nennen sich Künstler. Haben sie die Kunst erweitert, den Begriff erweitert? Der Überlebenskünstler also der auf die Kosten anderer lebt, ein Künstler?
Kunst und Ästhetik. Die Ästhetik des Häßlichen? Was bleibt wenn wir aus unserem Leben die Kunst nehmen? Was aber fehlt, wenn wir sie erst hinzufügen? Brauchen wir die Kunst eigentlich und überhaupt? Benötige ich das Lächeln der Mona Lisa, um die Verwirrungen der menschlichen Mimik bildlich zu begreifen? Was ist eigentlich bildlich? Ein Abbild? Eine Zeichnung? Eine Skizze? Ein Gedicht? Eine Skulptur? Eine Symphonie? Eine Diktatur? Eine Karikatur? Ein Mensch? Ein Tier? Eine Bewegung? Ein Lachen? Eine Arbeit? Ein Lächeln? Ein Blick? Ein Pulsschlag? Eine Synapse? Ein Tropfen Fleisch der vor mir am Himmelsende angekommen ist? Eine Wesenheit? Ein Astralleib? Ein Spruch? Ein Beinhaus? Ein altes Beinhaus? Im? Wo? Im alten Beinhaus war’s.
Sind wir alle Künstler? Sind wir es nicht, wer darf sich dann einen Künstler nennen? Jener der schön malt? (Es ist nicht schön in aller Augen) Jener der die Worte besser als ein andrer setzt? (Sie sind nicht besser, denn sie können doch nur Worte sein) Jener der die Zither schöner klingen lässt, als jener Hirte die Schalmei, mit der er seine Zeit vorüberstreichen lässt? (Ist nicht vielmehr der Hirte Künstler, weil er es doch ist der die Arbeit mit dem Schönen zu verbinden weiß) Ist es wirklich Kunst uns zu verstellen und tragisch auf der Bühne eines andren Schicksals uns zu stellen? Was also bleibt mir nun an Kunst.
Da stehen der vielen Museen große Hallen, viel Schönheit und viel an Eigenart wissen sie in sich zu bergen. Doch muss man sie in Hallen sperren? Die Kunst? Ist nicht mein Finger wenn er übers Blattgold eines alten Stockknaufs fährt, in seiner unschuldig reinen, nur mir gehorchenden Bewegung, seiner eigens komponierten Eleganz des Verweilens und wieder Weitergehens, Kunst genug? Was ist die Wissenschaft? Die des Herzens? Was ist Wissenschaft? Dass Wissen schafft, dies wissen wir, doch wissen wir nicht ob Wissen nur das Gute schafft, zumindest wissentlich. Ist denn die Kunst nur gut? Kann Kunst nicht auch das Böse sein? Ist Kunst nicht Mittel nur um Böses in uns mit farbig glänzend Tüchern, schön zu überhängen? Es ist doch Kunst genug wenn ich mein Leben lebe bis zum Tod, was will man Wunder mehr von mir denn noch verlangen?
Antworte!
Antworten?
Der Fragen stellen sich dir doch genug nun allzu lange. Lass sie nicht hängen in diesem seltsamen Raum.
Nicht seltsam ist der Raum. Er wurde künstlich mir erschaffen. Ich kann in ihm Buchstaben sichtbar machen, die ich zuvor auf einem Brett, welches Buchstaben besitzt, niederramme. Dies Brett aber ist jenem Raum nicht wirklich eigen. Nur eine Schnur verbindet beide. Doch bin ich mir nicht wirklich sicher, ob es Raum ist was ich vor mir habe. Es ist doch nur eine Fläche auf der sich blinkend ein Strich bewegt und wenn ich die Tasten mit der Fingerspitze niederramme, seh ich wie dies blinkend Ding, nach meinem Finger sich bewegt. Doch nicht im Raum will mir der Strich verspringen, nur nach und nach füllt er die Fläche aus, mit Worten. Es ist kein Raum, nur Adso’s Bildschirm, keine Kunst dies Ding zu bauen.
Wer ist Adso?
Adso! Wer ist Adso? Adso ist die Wortmaschine, die meinen Fingern nur gehorcht!
Eine Wortmaschine also. Doch was ist Adso ohne dich?
Adso ist Adso, sein Sein braucht mich nicht.
Ist er nicht nur ein Ding, dass man vor Jahren auf einem Fließband zusammenschraubte, vielleicht noch von Kinderhand, die nicht dem eignen Willen folgte, sondern nur dem Zwang gehorchte, nur dem Instinkt, denn essen wollen alle, eigentlich nur nutzlos, kunstlos?
Nein! Er ist jener, der mir zur Kunst doch erst verhelfen kann und kunstvoll wurde er erschaffen, wie auch der Umstand immer mochte sein, als er im Schicksalsfeuer brannte.
Die Begriffe müssen uns noch ungeklärt verbleiben. Doch stellen wir (die FIU der JUGEND) und damit ich, uns nun der Frage eines erweiterten Begriffes. Eines erweiterten Begriffes der noch dazu schon in der Herkunft aller Ratio spottet und ohne klare Worte der Definition verbleibt und doch war es ein Mensch der sagte, dass dieser Begriff erweitert werden sollte. Der wusste, dass sich mit der Skulptur etwas machen ließe, eine soziale Skulptur, genauso unsichtbar und ungreifbar wie die Begriffe und doch so voll im Fühlen, wenn man fühlen will, gleich dem Begriffe.
Was aber nun kann denn Kunst sein? Vielleicht das Schöne. Vielleicht manifestiert sich Kunst auch aus der Absicht Kunst zu schaffen und dies allein macht aus dem Tun der Hände, Füße, Körper ein Kunstwerk. Nicht schön, nicht wirklich sichtbar, aber Absicht. In Absicht geschaffen, etwas geschaffen was Kunst sein soll, sein muss weil in dieser Absicht entstanden. Oder ist Kunst nur etwas was man in einem Raum zeigen kann, etwas was sich die Leute ansehen und daraus eine gewisse Botschaft erhalten, sich eine gewisse Botschaft in dem Gesehenen erhaltbar machen können. Hört aber Kunst wirklich auf wenn ich mir beim Schreiner einen Fensterrahmen nach Katalog bestelle. Massenware. Ist der Rahmen nicht auch ein Werk, welches aus einem künstlerischen Prozeß, weil schöpferischer Handlung, entstanden ist. Ist nicht schon der Akt der Bestellung, die Wortkommunikation, die ein Resultat hervorbringt und Verständnis schafft, ein Kunstwerk an sich? Der Fensterrahmen lässt sich im Museum unterbringen, nicht aber das Wortspiel welches dem schöpferischen Vorgang doch erst als Ursache voranging, ihn eigentlich erst hervorbrachte, ja erster Akt des Prozesses an sich schon ist („Aber die Ursache liegt in der Zukunft“). Wo also hört Kunst auf? Wann ist es sinnvoll den Begriff zu erweitern?
Ein Zwischenstück: eine kleine Werkstatt in einem Künstlernest in Italien. Überall liegt der Staub von Marmor in der Luft. Riesige Blöcke stehen bereit um geformt zu werden. Eine Werkstatt, sechs Mitarbeiter, vielleicht einer mehr. Man sieht aus einem Block das Gesicht Davids entstehen. Den gibt es aber schon. Der Mann hat sich die Maße genommen und bringt sie nun auf den Stein, in den Stein. Danach steht ein David wie vom Meister selbst gehauen. Aber Kunst ist doch nur das Original? Ein Werk der Kunst ist aber doch auch nicht weniger Kunst als das Kunstwerk. Ist Kunsthandwerk Kunst oder ist Handwerkskunst Kunst? Ist beides Kunst, welcher ist dann Künstler: Michelangelo oder der Mann der im verschlafenen Nest den Marmorriesen kopiert? Es gibt sicherlich einen Unterschied. Aber wem will man das Künstlersein absprechen?
Ein Mensch lebt von dem Geld das der Staat ihm gibt, lebt also von dem Geld das alle ihm geben, denn wir alle sind ja der Staat, noch dazu sind wir ein Sozialstaat, d.h. wir leben in einer solidarischen Gemeinschaft in der jener Unterstüzung der anderen bekommt, der sie nötig hat. Ist dieser Staat ein Kunstwerk? Wer ist hier Künstler? Alle? Es ist doch aber auch eine Kunst diese Form des Zusammenlebens dahingehend zu nutzen, nicht sozial zu sein, die Solidarität der anderen aber dahingehend auszunutzen, dass man selbst leben kann, ohne das Leben anderer mit zu finanzieren. Man kann diese Menschen Sozialschmarotzer nennen, oder Überlebenskünstler. Künstler also, die doch eigentlich ein Kunstwerk zerstören, aber doch auch wieder Künstler sind, auf ihre destruktive Weise. Noch dazu sind ja nicht sie es, welche unser aller Kunstwerk zu Fall bringen, es sind vielmehr die Fundamente die ihre stärkste Verankerung selbst aufzulösen beginnen. Das Gebäude wackelt, aber nicht wegen der Künstler die versuchen einige Säulen zu zerschlagen, sondern wegen der Säulen selbst, die nicht mehr stehen wollen.
Aber die Kunst ist doch eigentlich als ein ästhetisches Vergnügen bekannt. Eine Erfüllung und Bereicherung der Seele, ob als moralische Anstalt, oder als die Bretter die die Welt bedeuten. Was nun ist aber Ästhetik? Es gab Zeiten in welchen man klare Ideale geformt hatte, auch in Bezug auf die Körperformen des Menschen. Diese Ideale hat man bis heute, aber der eine findet die Ästhetik in einem fülligen Menschen, der andere in einem schlanken; die Ideale sind also aufgeweicht, oder zumindest in ihrer Allgemeingültigkeit zerstört worden. Früher wusste jeder was ästhetisch ist und was nicht und jeder versuchte dem Ideal der Ästhetik möglichst nahe zu kommen, eine Kunst es zu verwirklichen und auch Aufgabe der Kunst das Ideal zu verdeutlichen, es darzustellen und in seiner Vollkommenheit sichtbar zu machen. Jetzt aber kann man durchaus auch von der Ästhetik des Häßlichen sprechen, ohne dass man damit gleich Verrat an einem Ideal beginge, oder den Begriff der Ästhetik an einer Stelle verwendet, an die er nicht gehört. Auch das Grauen kann Ästhetik sein, wenn es empfunden wird im Blicke auf jenes was das Grauen herrvorzurufen im Stande ist. Kunst und Ästhetik sind also nicht mehr eng verschmolzen, oder sie sind es immer noch, nur mit der Problematik, dass alles als ästhetisch empfunden werden kann, also auch alles Kunst sein kann.
Fehlt in unserem Leben aber die Kunst, wird das Leben dadurch nicht vernichtet. Kunst zu schaffen und zu genießen ist eigentlich ein Luxus den die Freizeit uns erlaubt. Von Kunst zu leben entspricht also eigentlich nicht den Umständen welche die Kunst zur Enstehung braucht. Den Begriff des Künstlers hört man aber auch immer wieder, in unserer materialistischen Welt, über die Fähigkeit des „Von der Kunst Lebens“ definiert. Es ist also nur der ein Künstler der von seiner Kunst lebt. Hier widerspricht aber die Definition des Künstlers der Tatsache, dass wir die Kunst zum Leben nicht brauchen. Die Kunst kann also weder Broterwerb noch Beruf sein, denn zum Überleben an sich taugt sie nicht und ein Beruf ist sie nicht, da man sie doch eigentlich in der Freizeit anzusiedeln hat.
Nun hallt aber auch noch die These von Tom Tritschel in mir nach, welche besagt, dass Kunst dort entsteht wo wir ein Defizit erleben. Eine künstlerische Handlung also eine Handlung ist, welche der Natur noch etwas hinzufügt, was von uns als fehlend erlebt wird. Kunst wäre demnach alles was die natürliche Daseinsform der Dinge, der Verhältnisse, des Ganges von Werden und Vergehen, verändert. Damit ist Adso auch wieder ein Kunstwerk, denn er entstammt auch aus dem Erleben eines Defizits. Ob er aber auch aus einem solchen in direkter Weise entstand, ist zu bezweifeln.
Dennoch bleibt diese These eine ziemlich sinnvolle, denn wir schaffen die Dinge immer nur aus dem Erleben eines gewissen Defizites heraus. Die Anschaffung von Adso resultiert aus dem Erleben des Fehlens einer praktischen und gut funktionierenden Einrichtung heraus, die mir das Schreiben erleichtert. In kompletter Anschaffung steht aber schon ein fertiges Kunstwerk vor mir, welches ein anderer produziert hat. Die Kunst die ich noch schaffe ist die Rauminstallation, also das Arrangement der Dinge die ich in meinem Zimmer postiere. Die einzelnen Werke stammen aber aus der Hand anderer. Aber auch hier resultiert der Schöpfungsprozeß aus dem Erleben eines defizitären Zustandes heraus, sei es auch das Kind in Taiwan, welches die Einzelteile Adsos gesetzt hat, es tat dies aus dem Erleben eines Defizits, nur handelte es sich dabei wohl eher um das grundsätzliche Bedürfnis etwas zu Essen zu bekommen. Die Frage stellt sich, ob aus dem Überlebensinstinkt geborene Schöpfungsprozesse, noch als künstlerische zu bezeichnen sind. Reduziert man aber das Überleben, auf die Tatsache an sich, so benötigten wir dazu eigentlich nichts eigenständig Schöpferisches, denn die Pflanzen wachsen ohne uns und die Tiere werden auch nicht verschwinden, wenn sie nicht mehr von uns domestiziert sind. Unser Überlebensinstinkt führt uns also eigentlich weniger zu schöpferischen, als vielmehr zu zerstörerischen Tätigkeiten. Das Kind in Taiwan geht aber einer schöpferischen Tätigkeit nach, nutzt also die Möglichkeiten welche ihm durch die Schaffung anderer Kunstwerke geboten werden, um das eigene Überleben durch die Beseitigung der erlebten Defizite anderer, zu sichern. Mag dies auch nur ein umgewandelter Überlebenstrieb sein, so ist er eben doch zu einer schöpferischen Triebfeder geworden. So kann man Kunst durchaus über dieses Erleben definieren, denn wir erleben doch auch an der weißen Wand das etwas fehlt und hängen ein Bild daran, geben ihr eine andere Farbe. Zuerst aber kam das Haus. Davor die Höhle usw. Alles was wir erschaffen entsteht also aus dem Erleben eines Defizits. Definiert man so die Kunst, ist alles Kunst was der Welt vom Menschen hinzugefügt wurde.
Dennoch bleibt ein etwas bitterer Geschmack im Mund. Es fällt uns doch auch sehr künstlerisch an, wenn wir beispielsweise unsere Finger bewegen und dabei das Sehnenspiel unseres Unterarms betrachten. Hier haben wir aber kein Defizit erlebt und beseitigt, wir besitzen diese Kunst naturgegeben. Wie aber ist es möglich als Kunstwerk Künstler zu sein? Oder kann man etwa bestreiten, dass der Mensch ein Kunstwerk ist? Eine geniale Komposition, in der ein Orchester aus allen Bereichen der harmonischen Klänge, in all seiner Vielseitigkeit, zu einheitlicher Harmonie und höchster Funktionalität vereinigt wurde. Ist der Mensch kein Kunstwerk, was dann? Man müsste so folgendem Satz seine Zustimmung geben: Nichts ist Kunst, doch nichts ist alles. Alles ist Kunst denn alles ist nichts und erst daraus entstanden. Ist aber nun alles nichts, müssten wir alles schaffen, aber da wir nicht in der Lage sind aus dem Nichts zu schaffen, können wir uns nicht Künstler nennen, kein Defizit erfahren, denn wo nichts ist ist nichts, so auch kein Defizit, wenn auch alles ist oder alles nichts ist, so ist es doch sinnlos in ein Alles, sei es auch ein Alles aus nichts, nocht ein Etwas-Mehr hinzuzufügen, schon allein aus dem Grund resultierend, dass ein Erleben einer derartigen Notwendigkeit gar nicht möglich ist.
Da ich aber nun wieder bei den Schöpfungsmöglichkeiten des Menschen bin, will ich auch gleich bei einem Gedanken zur Schöpfungsgeschichte bleiben. Die Vorstellung die man im Allgemeinen vom Paradies hat, ist jene dass es dort an nichts fehle, selbst wenn nicht jeder Milch und Honig mag, so geht doch das Versprechen, dass niemandem dort etwas verwehrt bleibe. Adam und Eva sind nun Teil dieses Ganzen. Damit nicht fähig sich selbst zu betrachten. Nicht in der Lage, aber auch nicht in der Notwendigkeit sich als Selbst zu begreifen. Vielleicht auch vergleichbar mit dem Kind im Mutterleib. Erst durch den Sündenfall gelangen die Menschen in die Notwendigkeit ein Begreifen aufzubauen, auch das Begreifen der eigenen Person.
Goethes Mephisto spricht so auch: „Ich bin ein Teil des Teils der anfangs alles war. Ein Teil der Finsternis die sich das Licht gebar“. Mephisto ist eben nur ein Teil des Teils, kein Selbst, kein Ausgestoßener. Noch Teil des Ganzen. Während Faust in der Lage ist nach diesem Ganzen zu Suchen, wenn gleich auch nicht von der Fähigkeit beseelt jenes zu finden was „die Welt im Innersten zusammenhält“. Worauf ich hinaus will: der Mensch hat die Fähigkeit zu begreifen, da er aus der Einheit hinaus verbannt wurde. Diese Fähigkeit ist oft Ursache des Verzweifelns, weil wir unserer Fähigkeit zu begreifen nicht trauen. So ergibt sich im Lauf der Zeit eine Trennung zwischen dem was wir als notwendige Handlung begreifen die unser Überleben sichert und dem was wir als nicht unbedingt notwendig erkennen. Folglich gehen wir heute davon aus, dass die Anfänge der Kunst vielleicht im Erleben eines Defizits angesichts eines Toten liegen, oder dass wir die ersten Künstler in jenen zu sehen haben die Jagdszenen an Höhlenwände malten.
Die Anfänge der Kunst sind aber doch vielmehr dort zu suchen, wo wir versucht haben zu begreifen, die Kunst des Begreifens zu üben. Dies ist allerdings darüber verlorengegangen, dass wir ein Bild von Kunst erschufen, an welches wir den Begriff ketteten und auch all die Begriffe die nun für uns in den Bereich der Kunst gehören und nicht mehr in den Bereich der Lebensnotwendigkeiten und des Zusammenlebens zwischen Menschen. Die Plastik hat für uns auf der Ebene des Sozialen doch eigentlich nicht viel verloren.
Damit wird mir eine Erweiterung dieses Begriffes als anstehende Notwendigkeit klar und auch die Aussage, dass jeder Mensch ein Künstler sei, denn Kunst kann alles sein was wir als solche begreifen. Lernen wir also wieder das Begreifen als Kunst, sind wir alle Künstler und der Begriff Kunst wird erweitert, weil wir lernen wieder mehr als Kunst zu begreifen, da wir uns mehr und mehr öffnen und so eine Erweiterung zulassen. Begreife ich für mich etwas als Kunst, so kann ich in diesem begreifenden Akt, den Begriff der Kunst erweitern. Diese Erweiterung kann also mit Sicherheit noch lange andauern, da wir noch lange brauchen ein künstlerisches Bewußtsein zu entwickeln, welches fähig ist wirklich zu begreifen, die Notwendigkeiten und Banalitäten, das Gegenüber und die Umwelt, als Kunst zu verstehen, zu begreifen und auch sie begrifflich zu machen. Wir können Künstler sein und durch unser Begreifen Kunst schaffen, wir können uns dem aber auch verweigern, was eine Erweiterung verhindert.
Damit könnte man sagen: alles ist Kunst, wenn wir sie nur als solche begreifen. Ich meine aber vielmehr, dass wir nicht sagen: alles ist Kunst. Sondern vielmehr, dass wir ein Begreifen entwickeln, das uns einen Umgang mit den Dingen ermöglicht, wie wir ihn im Umgang mit der Kunst im herkömmlichen Verständnis kennen. Wir also mit der selben Ehrfurcht einem Kieselstein begegnen, mit der wir auch dem David in Florenz gegenüberstehen. Wenn wir dahin kommen unsere Umwelt so zu betrachten wird nicht die Kunst, der David, abgewertet, sondern alles andere wird aufgewertet. Man könnte auch sagen: es wird eine umfassende Kapitalsteigerung vorgenommen, denn „Kunst = Kapital“. Ein solcher Umgang scheint mir das Entstehen einer Wärmeplastik zu ermöglichen und auch der Weg zu sein ein Freiheitswesen, welche wir ja nach dem Sündenfall sind, in eine Ganzheit zurückzuführen und da ich nun auch mit dem Begriff des Sonnenstaates konfrontiert wurde, bin ich geneigt nicht vom Paradies sondern vom Sonnenstaat als Möglichkeit dieser Ganzheit zu sprechen. Es ist also nicht alles Kunst, sondern nur das was wir als Kunst zu begreifen im Stande sind. Können wir alles als Kunst begreifen, so denke ich, ist eine Ganzheit verwirklicht welche eine völlig neue Ebene des menschlichen Daseins offenbart.
Die Welt ist plastische Masse. Was nicht mehr geformt werden muss, sollte als Kunst begriffen werden, was noch zu formen ist, ist plastisches Material für den Künstler Mensch. Dieser Mensch ist jenes Freiheitswesen, welches aus der paradiesischen Ganzheit verstoßen wurde, aber es hat die Möglichkeit sich über das Begreifen eine neue Ganzheit zu schaffen, in welcher es auch den Teilen noch möglich ist sich als Selbst zu begreifen.
Mir selbst erscheinen diese Gedanken noch recht unausgereift und konfus. Dennoch glaube ich ausgedrückt zu haben was ich verstehe, wenn ich vom erweiterten Kunstbegriff höre. Die Möglichkeiten sind aber in einer solchen Vielfalt vorhanden, dass man sich in ihnen leicht verlieren kann, geneigt ist sich etwas zu glauben, was man sich auszusprechen gar nicht im Stande fühlen sollte und am Ende von diesem Strudel in den nächsten gerät. So aber ist meine Sicht der Dinge und Begriffe. Jetzt, denke ich, darf ich mich an Beuys und an das was er mit seinen Begriffen meinte, heranwagen.
Versuchen zu begreifen. Beginnen zu gestalten.